Schmerz und Entspannung

Nebst dem Depressiven- und dem Angstsyndrom zählt das chronische Schmerzsyndrom zu den drei meist verbreitetsten psychopathologischen Syndrombilder der Bevölkerung. Das ist ganz schön viel und der Wandel unserer Zeit hinterlässt ebenfalls seine Spuren.

Irgendwann in seinem Leben leidet jeder Mensch einmal an Schmerzen. Bestenfalls verschwinden diese nach kurzer Zeit wieder, im schlimmsten Fall chronifiziert sich dieser Zustand. Das kann für den Menschen schwere Folgen haben. Betroffene gehen immer mehr in die Schonhaltung, fixieren sich gedanklich und emotional auf das Schmerzgeschehen, ziehen sich immer mehr zurück und verfallen irgendwann dem Teufelskreis, aus dem sie nur schwer wieder rauskommen.

Was ist Schmerz überhaupt und wie wird er erlebt?
Grundsätzlich wird der Schmerz als ein subjektiv unangenehm empfundenes Gefühlserleben definiert. Aufgrund seiner Warnfunktion soll er uns vor Gefahren, Verletzungen oder Überlastungen schützen und hat somit eine überlebensnotwendige Aufgabe. Aber nur, solange er sich nicht chronifiziert.
Die Schmerzgrenze ist von Mensch zu Mensch unterschiedlich hoch. Was für Frau Schweizer schmerzhaft ist, kann für Herr Schwyzer harmlos sein. Daher sehe ich es als wichtig, Aussagen von Betroffenen, die über Schmerzen klagen, nicht zu werten, sondern einen entsprechend respektvollen Umgang zu pflegen.

Akuter und chronischer Schmerz
Wir können von zwei Schmerzarten unterscheiden: der akute und der chronische Schmerz.
Wie bereits oben erwähnt, übernimmt der akute Schmerz primär die Warn- und Schutzfunktion des Körpers. Wenn er auftritt, signalisiert er, dass etwas nicht stimmt. Der Körper versucht dann das Gleichgewicht wieder herzustellen, indem er dem Schaden möglichst effizient und zeitnah entgegenwirkt. Der akute Schmerz ist immer zeitlich begrenzt und verschwindet wieder, sobald die Ursache erfolgreich behandelt wurde.
Der chronische Schmerz hingegen hat die Warnfunktion verloren und ist ein eigenständiges Krankheitsbild. Über die Definition von chronischen Schmerzen gibt es verschiedene Ansichten. Grundsätzlich kann dann von Chronifizierung gesprochen werden, wenn der Schmerz an mehr als 15 Tagen im Monat über einen Zeitraum von mindestens drei Monaten anhält. Oftmals entsteht der chronische Schmerz aus einem akuten Schmerz heraus, wobei die damit betroffenen Nervenzellen immer empfindlicher werden und schon beim kleinsten Reiz mit einem Schmerzsignal reagieren. Dieser Mechanismus senkt die individuelle Schmerztoleranz und lässt ein sogenanntes Schmerzgedächtnis entstehen.

Der chronische Schmerz verankert sich immer tiefer in die Erlebensbereiche der Betroffenen und löst damit eine Reihe verschiedener Begleitsymptome aus. Diese zeigen sich sowohl auf psychophysischer- als auch auf der psychosozialen Ebene. Aus Sicht der kognitiven Ebene zeigt er sich unter anderem mit einer eingeschränkten Aufmerksamkeits- und Konzentrationsfähigkeit und einem zunehmenden Katastrophendenken. Auf der emotionalen Ebene lässt sich beobachten, dass sich Schmerzpatienten oftmals mit Gefühlen der Hilfs- und Hoffnungslosigkeit umherschlagen. Sie fühlen sich ihren Schmerzen ausgeliefert und bauen Verlustängste auf. In diesem Zusammenhang entstehen Komorbiditäten zu anderen Syndrombildern wie jene der Angst oder der Depression.
Zu den psychosozialen Faktoren zählen ein immer vermehrt auftretendes Rückzugsverhalten bis hin zur Isolation, Konflikte am Arbeitsplatz aufgrund von Missverständnissen oder mangelnder Kommunikation, aber auch familiär bezogene Belastungssituationen.
Regelmässig auftretende Schmerzen sollten also nicht einfach mit einer Tablette «weggeschluckt» werden, sondern bedürfen einer zeitnahen ärztlichen Abklärung, um passende nachhaltig wirkende Gegenmassnahmen einzuführen. Damit können oben geschilderte Symptome gelindert und schlimmere Folgen im besten Fall verhindert werden.

Wo setzt die Entspannung an?
Praktisch überall =)
Die Entspannungsverfahren wie das Autogene Training, die Progressive Muskelentspannung oder die Achtsamkeits-Interozeption setzen mit ihrer Wirkungsweise an allen grossen Ebenen (gedanklich, emotional, körperlich, Verhalten) an, was sich schlussendlich auch auf weitere Erlebensbereiche wie dem sozialen Umfeld und den psychosozialen Faktoren ausweitet. Mittlerweile sind die Entspannungsverfahren ein fest integrierter Bestandteil im Therapieplan von chronischen Schmerzpatienten in Rehabilitationsinstitutionen und Kliniken. Nicht zuletzt weil sie den schmerzinduzierten inneren Anspannungs- und Unruhepegel senken und parallel dazu mit der Zeit die nicht-Schmerz-assoziierte Körperwahrnehmung steigern. Das ruft neues Vertrauen in den Körper hervor. Durch das Erlernen eines Entspannungsverfahrens und deren autonome Anwendung, wird die Selbstwirksamkeit der Patienten erhöht, was das Vertrauen zu sich selbst und seinen Fähigkeiten steigert. Die physiologische Entspannungsreaktion, die durch die Anwendung eines Verfahrens induziert wird, wirkt aufgrund ihrer Botenstoffausschüttung schmerzlindernd. Wir sind also bereits stets im Besitz eines eigenen Schmerzmittels. Es muss lediglich gelernt werden, dieses einzunehmen. Ganz ohne Nebenwirkungen.

Gerade bei Schmerzpatienten gibt es einige wichtige Punkte in Sachen Vermittlung und Anwendung der Entspannungsverfahren zu berücksichtigen. Aus diesem Grund ist es sinnvoll, ein Verfahren bei einer entsprechend ausgebildeten Fachperson zu erlernen, die den Betroffenen individuell und mittels gezielter Aufklärungsarbeit (Psychoedukation) begleiten kann.

Ein Entspannungsverfahren zu erlernen tut nicht weh, deiner Gesundheit zuliebe!

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